Kühler Frühling bremst Ernte von Kamille und Co.

Die kühle und wechselhafte Witterung im Frühjahr hat Auswirkungen auf den Heilkräuter-Anbau in Thüringen. «Normalerweise beginnt die Kamillen-Ernte Anfang Juni, in diesem Jahr verzögert sich der Start um mindestens zwei Wochen», sagte Gunnar Jungmichel, Vorstandsvorsitzender der Agrarprodukte Ludwigshof in Ranis. «Seitdem ich vor zehn Jahren im Betrieb angefangen habe, ist das noch nie vorgekommen.» In den vergangenen Jahren habe sich der Erntebeginn tendenziell eher nach vorne verschoben.


Auch das Ernte-Ende wird sich Jungmichel zufolge dieses Jahr bis Mitte August ziehen. Normalerweise sei die Kamille spätestens Ende Juli abgeerntet. Ein positiver Effekt sei hingegen, dass sich Schädlinge wie Käfer und Pilze wegen der bisherigen Bedingungen nur wenig ausgebreitet hätten.


Was die Ernte an sich angeht, hält der ungewöhnlich kühle und regenreiche Jahresbeginn noch Überraschungen bereit: «Dieses Jahr wird wirklich spannend - aufgrund des Wetter können wir in diesem Jahr keinerlei Vorhersage über Menge und Qualität der Ernte machen», sagte der Vorstandsvorsitzende der Agrargenossenschaft Nöbdenitz in Schmölln, Matthias Schnelle. «Wir hoffen in den kommenden Wochen auf warmes, feuchtes Wetter». Wichtig seien etwa Nachttemperaturen über zehn und Tagestemperaturen unter 30 Grad. Auch bei anderen Heilkräutern machten sich die Wetterkapriolen bemerkbar: «Die Pfefferminze leidet noch extremer unter der Kälte als die Kamille.»


Bundesweit ist Thüringen der Hauptproduktionsstandort für Kamille: Rund 70 Prozent der in Deutschland produzierten Kamille kommen dem Thüringer Interessenverband Heil-, Duft- und Gewürzpflanzen zufolge aus den beiden Heilkräuter-Anbaubetrieben im Freistaat. In Schmölln wird die Pflanze auf etwa 350 Hektar angebaut, in Ranis auf 370.


«Wir würden uns wünschen, dass der gesamte Bedarf an Kamille in Deutschland vom innerdeutschen Anbau gedeckt wird», sagte Daniel Schmutzler vom Interessenverband Heilkräuter. Dass sich nicht mehr Betriebe auf den Anbau von Heilkräutern spezialisierten, liege zum einen an der schlechten Verfügbarkeit der nötigen Spezialmaschinen und der vielen Handarbeit beim Entfernen von Beikräutern.


Konkurrenz bekommt der Thüringer Kamillenanbau Jungmichel zufolge unter anderem aus Nordafrika und Südamerika. Pluspunkt der deutschen Erzeugung sei die nahtlose Zurückverfolgbarkeit. «Wir können für unsere Kamille in jedem Teebeutel genau belegen, wo sie angebaut, geerntet und getrocknet wurde», sagte Jungmichel. Auch die hohen Umweltstandards seien ein Vorteil der deutschen Produktion.


In Thüringen wurden dem Landwirtschaftsministerium zufolge 2020 auf etwa 990 Hektar Heilkräuter angebaut. Werden Lein und Senf dazu gezählt, liege der Umfang bei etwa 2500 Hektar. Damit mache der Heil-,Duft- und Gewürzkräuteranbau im Freistaat etwa ein Viertel der Gesamtanbaufläche in Deutschland aus.


Neben Kamille und Pfefferminze werden laut Ministerium auch Zitronenmelisse, Johanniskraut, Rosenwurz, Mutterkraut und Spitzwegerich kommerziell angebaut. In Schmölln wird in diesem Jahr auf fünf Hektar zum ersten Mal der «Moldawische Drachenkopf» angebaut - der Lippenblütler findet unter anderem in Tees Verwendung. In Ranis gibt es Testpflanzungen mit der Großen Brennnessel und Andornkraut.

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